Ein Brief an Estas Tonne

Lieber Estas Tonne

 

Es ist kurz vor Weihnachten.

Mein Mann und ich liegen im Wohnzimmer auf dem Boden.

 

Wir sind entspannt und genießen die Ruhe. Kinder sind im Bett oder ausser Haus.

Ich fühle mich gut, ausgeglichen und stark. Bin voller Liebe und Dankbarkeit. Und ich bin soweit mich Herausforderungen zu stellen.

Ich sage :

„ -Wollen wir Estas Tonne hören?“

 

Mein Mann schaut mich verwundert an.

„ -Meinst du wirklich...“

„- Ja. Heute bin ich so weit. „

 

Zwei Jahre sind es her seit wir Deine Musik das letzte mal gehört haben.

Wir holen uns ein Glas Wein, setzten uns aufs Kissen und schauen uns ein Video von einem Deiner Konzerte an.

Irgendwo Openair, im Sommer sitzt Du auf einem Stuhl mit Deiner Gitarre.

Viele Menschen sitzen um die Bühne herum, leicht bekleidet in Bunte Sachen. Alle sehen glücklich und entspannt aus. Sie lauschen Deiner Musik mit geschlossenen Augen. Manche lächeln vor sich hin, andere sind in die Klänge eingesunken, andere tanzen. Kinder spielen auf der Wiese, die Sonne lacht. Das Instrument scheint als ob es ein Teil von Dir wäre.

 

Ich schliesse meine Augen, die Musik durchdringt förmlich meinen Körper. Emotionen steigen hoch. Tränen laufen über mein Gesicht..ich glaube meinem Mann geht es nicht anderes..

 

Vor der Geburt unseres Kindes habe ich ein Video von Dir entdeckt.

Ich war verzaubert.

Ich zeigte es meinem Mann und auch er fand es absolut faszinierend.

Es fühlte sich an wie nach Hause kommen.

 

Dann war es soweit, unser Sohn kam zur Welt. Etwas zu früh als erwartet und anders als erwartet.

 

Er musste vorerst beatmet werden, musste in einem Inkubator auf einer Intensivstation liegen. Das war für uns sehr schwer ihn nicht gleich im Arm halten zu dürfen.

Paar Tage später kam es noch härter, ein Verdacht der Diagnose Down Syndrom wurde uns bestätigt. Wir waren niedergeschmettert und hilflos. Wussten nichts damit und mit uns anzufangen. Hielten uns fest wenn wir zusammen waren, wenn nicht hielst Du uns fest.

 

Das hört sich befremdlich an und vielleicht noch nicht verständlich.

 

Wenn wir nicht zusammen waren, ich im Krankenhaus, mein Mann zu Hause,die dunkle Wolke des Schmerzens und der Trauer auf uns zugerollt kam,

Fragen im Kopf quälten oder die Einsamkeit unerträglich wurde, dann hörten wir, jeder für sich, Deine Musik.

 

Mein Mann informierte sich über die „Erkrankung“, hat im Internet nach Informationen gesucht und jedesmal wenn der Zusammenbruch kam, weil es einfach zu heftig wurde, gaben Deine Gittarrenklänge ihm die Heilung.Wie ein Pflaster auf der Wunde.

 

Ich, ganz alleine im Krankenhaus, in einem trostlosem Zimmer, mit viel zu lauten Menschen oder beim Milchabpumpen , beim Spaziergang im Park mit schrecklichen Gedanken im Kopf-Schuldgefühlen, Ängsten, Fragen. Wenn ich die Klänge Deiner Musik hörte sah ich das Licht. Es gab mir Kraft und Zuversicht. Entfaltete meine unendliche Liebe. Versetzte mich in ein Zustand der Entspannung und gab die ersehnte Ruhe.

 

Und trotzdem, nach dem wir es Überstanden hatten, erinnerte uns Deine Musik an unseren Schmerz.

Es tut mir Leid, dass es so war.. Es war uns nicht möglich die Klänge Deiner Gitarre zu geniessen..

 

Unser Sohn ist ein Geschenk! Entwickelt sich wirklich gut. Trotz seiner Behinderung und vielleicht sogar deswegen schenkt er uns sehr viel Freude und Liebe. Wir sind stolz auf ihn und genissen jeden Augenblick mit ihm. Er liebt Musik!

 

Im Wohnzimmer, auf dem Boden sitzen wir nun beide da... Tränen laufen...Der Schmerz ist so präsent als ob alles nochmal von Vorne anfangen würde.

Die Bilder in meinem Kopf verändern sich aber. Ich sehe uns, unsere Familie wie wir im Wald unterwegs sind, wie wir am See sitzen. Ich sehe unseren Sohn wie er auf uns zugelaufen kommt und strahlt! Ich fühle Glück und Stolz. Es stimmt alles und ist Vollkommen. Ich lache.

 

Ich öffne meine Augen und sehe zwei Karten vor mir liegen.

Karten für ein Konzert von Dir.

Ich weiß garnicht was ich sagen soll, wie reagieren.

Ich schaue sie an, nehme sie in die Hand und kann nicht mehr loslassen. Ich freue mich und habe Angst. Ich bin voller Glück und voll Trauer..

Mein Mann erklärte mir, es sei ein Weihnachtsgeschenk für mich. Er wäre sich nicht sicher ob er es will oder nicht, aber als er hörte Du kommst in unsere Gegend musste er sie kaufen.

 

Ja! Wir sagen beide Ja zu diesem Geschenk. Sind uns sicher, dass wir es wollen!

Es wird hart für uns aber wir wollen da sein!

Wir wollen Danke sagen!

Wir wollen uns dem stellen!

Wir wollen wachsen!

 

Lieber Estas, Deine Musik hat uns Kraft gegeben, hat uns Licht gebracht, hat uns wachsen lassen, über unsere Grenzen gehen lassen, hat uns die tiefsten Abgründe gezeigt und uns da wieder rausgeholt!

Hat uns begleitet uns festgehalten.

Heute nach zwei Jahren tut sie genau das gleiche!

Am Ende stehen wir da und lachen. Freuen uns, dass wir einfach da sind. Sie erzählt uns unsere Geschichte und macht uns stark.

 

Wir bedanken uns!

 

Am 21.03.2019 sehen wir uns in Hannover.

Frohe Weihnachten Estas!